Das Hauptgebäude (Haus A) des "Gymnasialen Standorts Mönchskirchhof" in Stendal wurde umfassend renoviert und mit Beginn des Schuljahres 2005 / 2006 von den Schülerinnen und Schülern sowie den Pädagogen wieder in Besitz genommen. Schräg gegenüber befindet sich die bereits vorher fertig gestellten ehemaligen Mittelschule an der Moltkestraße (dem Haus B, siehe auch Heft 12 unserer "Winckelmann-Blätter" !).

Es ist also an der Zeit uns zu erinnern an die Historie des Gymnasiums in Stendal. Es gibt sicherlich keinen profunderen Kenner dieser Materie als Dr. Klaus Polte, Geschichtslehrer, langjähriger Direktor unseres Gymnasiums und mitverantwortlich für die Wiedergründung unseres Vereins, dem er seit 1990 als aktives Mitglied des erweiterten Vorstandes angehörte. Er verstarb im August 2008.

Im folgenden die gekürzte Fassung seiner bereits veröffentlichten Abhandlung:

Zur Geschichte des Gymnasiums in Stendal

Spätestens im 14. Jahrhundert zogen, gestützt auf technische Fortschritte in Produktion, Bauwesen und Transport, der gewachsene Reichtum der Stadt und der einzelnen Gildemitglieder höhere Ansprüche auch im kulturellen Bereich nach sich. So wurden die mittelalterlichen Städte zu Heimstätten weltlicher Schulen, und im Jahr 1338 schritten die Stendaler Patrizier zur Gründung einer eigenen städtischen Lateinschule, deren Tradition unser Winckelmann-Gymnasium fortsetzt und pflegt.

Das erste Schulgebäude befand sich hinter dem heutigen Winckelmannplatz zwischen der Priesterstraße und der Bruchstraße. Neben Religionslehre wurden Latein als internationale Sprache, Schreiben, Lesen und etwas Rechnen unter kaufmännischen Gesichtspunkten gelehrt. Das mit der Gründung der Schule bis zum heutigen Tag gelehrte Latein gab der Schule ihren Namen, und es machte die Stellung der Stendaler Schule als einer Vorbereitungsanstalt für das Universitätsstudium deutlich, eine Rolle, die sie gleichfalls über 600 Jahre ununterbrochen ausgeübt hat.

Aus dieser Gründung einer weltlichen Schule entwickelte sich sehr schnell eine harte Auseinandersetzung zwischen dem für den Stendaler Raum zuständigen Bischof von Halberstadt und dem Rat der Stadt. Stendal wurde mit dem Bann belegt; erst 1342 kam ein Vergleich zustande, der dem Domstift materielle Zugeständnisse einräumte. Der Rat ließ sich noch mehrfach im Laufe dieses 14. Jahrhunderts den Schutz seiner Schule durch den jeweiligen Landesherrn versprechen. Auch auf diese Weise sicherte sich Stendal den Anschluss an die sich entwickelnde mittelalterliche europäische Kultur.

Wesentlich für die Entwicklung unserer Schule war das Vorhandensein einer Druckerei in Stendal, der bei weitem ältesten in der Mark Brandenburg. Um 1450 begann man in Mainz mit beweglichen Lettern zu drucken. Schon 1487 wurde in Stendal von Joachim Westfal am Markt ein solcher Betrieb eingerichtet. Neben dem Druck des "Sachsenspiegels" mit den Glossen des Johann von Buch interessieren aus schulgeschichtlicher Sicht der Donatus und eine Sammlung lateinischer Briefe, die als Lehrmaterial für den Lateinunterricht dienten.

Für die Qualität der Ausbildung an unserer Lateinschule spricht, dass eine große Zahl ihrer Absolventen eine Universität bezog und ihren Studien erfolgreich nachging. Zwischen 1392 und 1636 studierten 51 Stendaler an der Universität Erfurt; und von 1506 bis 1648 waren in Frankfurt/Oder 164 gebürtige Stendaler und weitere 84 junge Leute aus dem altmärkischen Adel immatrikuliert. Das 15. Jahrhundert hatte noch den Höhepunkt des Reichtums und des Glanzes unserer Stadt gesehen. Alle großen Sakral- und Profanbauten sind in diesem Saeculum errichtet oder vergrößert worden.

Es folgte nun die Zeit der Stagnation. Verlegung der Handelswege nach Westeuropa, damit beginnender Niedergang der Hanse, Ausbau der landesherrlichen Gewalt auf Kosten der Städte, dazu eine kommunale und private Finanzpolitik, die die Akkumulation von Mitteln außer acht ließ, führten zum Stillstand. Das alles wirkte sich auch durch die Geldentwertung und durch den Zerfall der alten Autoritäten in der Stadt und in der Kirche auf die Qualität der Schule aus; die Schülerzahl sank.

Innere Unruhen, durch das erste Auftreten Luthers angeregt, erschütterten die Stadt spätestens seit 1525. Am 31. Oktober 1539 predigte Conrad Cordatus erstmals in Stendal und reichte das Abendmahl in beiderlei Gestalt. Tags darauf trat auch der Kurfürst zur evangelischen Kirche über und ordnete für die ganze Kurmark eine Kirchenvisitation an, die im November 1540 einsetzte und für das Schulwesen eine große Bedeutung erhielt.

Die unerfreulichste Maßnahme der Visitatoren für die Lateinschule in Stendal war eine provisorische Unterbringung der Anstalt im Chor der Franziskanerkirche am Mönchskirchhof ab 1555. In diesem Provisorium verblieb die Schule bis 1798 unter hygienisch und pädagogisch untragbaren Bedingungen.

Der sogenannte Sächsische Schulplan Melanchthons, des Praeceptors Germaniae, wurde in Stendal grundsätzlich eingeführt. Er erfuhr eine Erweiterung, indem statt drei vier "gelahrte Praeceptores" eingesetzt wurden.

In den Unterrichtsplänen blieb es beim Trivium: Grammatik, Dialektik und Rhetorik. Dazu wurde in Stendal, entgegen Melanchthons Festlegungen, der Griechischunterricht eingeführt oder beibehalten. Für Latein wurde aber mehr als die Hälfte der Stunden reserviert, wobei auch in Religion die lateinische Sprache benutzt und damit geübt wurde. Obendrein durften die Schüler auch in den Pausen nur Latein sprechen. Die Stendaler Schule, als Officina Latinitatis bezeichnet, unterschied sich also von den anderen höheren Stadtschulen in der Mark durch die höhere Zahl von Lehrern, durch das Erteilen von Griechischunterricht und auch durch eine bessere Besoldung ihrer Lehrer.

Die Stadt hatte seit 1338 das Patronat über die Schule, das ihr auch bis 1945 blieb. Das Inspektionsrecht stand seit 1540 dem Superintendenten, später Generalsuperintendenten, und dem ganzen Consistorium zu. Man muss hierbei bedenken, dass zumindest die Lehrer der hohen Schulen die gleiche Ausbildung hatten wie die Geistlichkeit. Bis ins 19. Jahrhundert wechselten Männer von einem dieser Berufe in den anderen. Eine Trennung von Staat und Kirche war unter diesen Umständen nicht vorstellbar.

Bis in die Zeit des Nationalsozialismus hinein blieb die innere Bindung von Religion, Kirche und Schule noch sichtbar. Das Lehrerkollegium empfing zu Ostern und zum Reformationstag alljährlich gemeinsam das Abendmahl in der Marienkirche, der Kirche des Rates der Stadt. Jede Schulwoche begann am Montagmorgen mit einer gemeinsamen Andacht in der Aula.

Die Visitation von 1647 konnte nach dem 30jährigen Krieg nur den ärmlichen Zustand der Schule feststellen. Das Lehrerkollegium war in seiner Zusammensetzung durch Seuchen und Abzug ständig verändert worden. Gehalt konnte nur ab und zu bezahlt werden. 1682 wirkte die Pest noch schrecklicher: Rektor, Lehrer und Schüler starben, so dass die Schule von Chronisten als "peste paene diruta" bezeichnet wurde.

Seit dem 18. Jahrhundert regte sich Opposition der Rektoren gegen die Inspektoren, wobei sich die Auseinandersetzungen in ihrer Intensität je nach Charakter der Schulmänner und ihrer geistlichen Partner unterschieden.

Der hoch achtbare, mehr geduldige als kämpferische Esaias Wilhelm Tappert, Rektor von 1669 bis 1738, hat die Schule in seiner langen Amtszeit durch große Not geführt. Er war ein opferbereiter Mann, der es verstand, bis ins hohe Alter eine Gruppe von altgedienten Lehrern zusammenzuhalten und ein bestimmtes Leistungsniveau bei Lehrern und Schülern als Norm durchzusetzen. Er bemühte sich, ohne Streit die elementarsten materiellen Sorgen zu lindern. Sein größtes Verdienst ist in unseren Augen sicher die verständnisvolle pädagogische und wissenschaftliche Förderung für den jungen Johann Joachim Winckelmann.

Im 18. Jahrhundert mehrten sich allgemein Kritiken am Unterricht an den damaligen Lateinschulen. Sie richteten sich gegen das Vernachlässigen der Muttersprache in Wort und Schrift. Sie monierten auch die Qualität des Rechenunterrichts, das Fehlen des Französischen als Fremdsprache. Lediglich Latein wurde noch mit hoher Qualität gelehrt. Diese Mahnungen wurden nur schrittweise berücksichtigt.

1760 hatte der Generalsuperintendent Hähn eine Umgestaltung des Lehrbetriebs der Stendaler Lateinschule veranlasst. Hähn hatte sich an den guten Erfahrungen der Berliner Realschule orientiert, der er als Inspektor vorgestanden hatte.

Die endlich heranrückende neue Zeit hatte für das höhere Schulwesen in Preußen das Abiturienten – Examen gebracht. Bis 1788 hatten sich die jungen Männer im Zusammenhang mit der Immatrikulation an der Universität einer Art Eignungsprüfung gestellt. Schon am 3. März 1784 hatte der erste Primaner in Stendal ein Examen vor den Ephoren, den Pastoren, Scholarchen und dem Rektor mit seinen Schulkollegen abgelegt.

Die für die ganze Monarchie erkennbaren Reformbestrebungen im Schulwesen wurden in Stendal sehr entschieden und geschickt von dem Manne aufgegriffen, der 46 Jahre lang die Geschicke unseres Gymnasiums leitete: Dr. Christoph Friedrich Ferdinand Haacke.

Er war nach seinen Studien in Halle auf dem dortigen Pädagogium in den Lehrerberuf eingeführt worden, für den er sich als sehr geeignet erwies.Von dort wurde er nach Stendal empfohlen und im Oktober 1808 eingeführt.

Unsere Schule war infolge der Zeitumstände, aber auch im Ergebnis der nicht zu Ende geführten Auseinandersetzungen in Strukturfragen und Bildungsinhalten in einem schlechten Zustand. Nur die Raumfrage war mit dem Einzug in das neue Schulhaus Ecke Mönchskirchhof – Brüderstraße auf dem Grundstück des ehemaligen Franziskanerklosters, dem heutigen Stadtarchiv, zu Ostern 1789 vorerst gelöst worden. Mehrere Ausbauten und Erweiterungen, durch Haacke erwirkt, passten das Gebäude den wachsenden Bedürfnissen an.

Die Verdienste des Schulleiters Dr. Haacke sind umfassend. Er verstand und praktizierte die Erziehung als humanitäre Aufgabe. Er weitete den allgemeinen Auftrag der Schule auch auf die Mädchen aus, eine zu seiner Zeit revolutionäre Haltung, indem er 1835 die Privattöchterschule begründete und zeitweise leitete.

Haacke baute eine Schulbibliothek auf, schaffte Geräte für den Physikunterricht an, verfolgte die regelmäßige schriftliche Zensierung der Schülerleistungen, erreichte die Anstellung neuer Lehrer, um bei dem einsetzenden Zustrom von Schülern entsprechend ordnungsgemäß arbeiten zu können.

Diese und andere Maßnahmen, wie die Einführung des Turnunterrichts, waren von ihm zusammengefasst in der Schulordnung für das Gymnasium zu Stendal vom 11. Januar 1824, die vom Konsistorium der Provinz Sachsen bestätigt wurde und die Grundlage für die weitere Arbeit und Entwicklung war.

Haackes Leistungen und Verdienste wurden noch zu seinen Lebzeiten gewürdigt. Er erhielt hohe staatliche Auszeichnungen, die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät in Halle. Vor allem aber wurde er 1853 Ehrenbürger unserer Stadt.

Ein sehr deutliches Beispiel für die Qualität der Arbeit an unserer Schule um die Mitte des 19. Jahrhunderts bietet Gustav Nachtigal. Er besuchte das Gymnasium 9 ½ Jahre lang und legte 1852 das Abitur ab. Sein Leben war in Haltung und Leistung getragen von Humanismus und Christentum, von Elternhaus und Schule anerzogen. Die ihm in Stendal vermittelte Erziehung und Allgemeinbildung, dabei eine gediegene sprachliche und naturwissenschaftliche Schulung, waren offenbar die Basis für sein Wirken als Arzt, Geograph und Ethnograph. An seinem Ruhm haben auch Stendal und sein Gymnasium einen Anteil.

Die Schule war durch Haackes Wirken ein leistungsfähiges humanistisches Gymnasium geworden, das den Anforderungen der Zeit zu genügen versuchte. So wurde der Mathematik mehr Aufmerksamkeit zuteil; der Sportunterricht ist bereits erwähnt worden. Doch das technische Zeitalter, das seine Forderungen an die Schule in Stendal noch nicht so deutlich stellte wie in den Industriegebieten, nährte die Zweifel an dem immer noch altsprachlich akzentuierten Ausbildungsprogramm.

Der dringende Wunsch nach Hinwendung zu den Realien und den modernen Fremdsprachen wurde erstmals nach sehr langen Überlegungen schließlich 1921 durch den Aufbau des Realgymnasiums neben dem weiter bestehenden humanistischen Gymnasium erfüllt. Unsere Schule wurde eine sogenannte "Große Doppelanstalt".

Der Mathematik insbesondere wurde zunächst als Schulung des Denkvermögens nur eine dienende Rolle zugebilligt. Schließlich erhielten dann aber doch Naturwissenschaften und Technik ihren angemessenen Anteil an den Unterrichtsstunden. Auch die hieraus resultierenden materiellen Bedürfnisse des naturwissenschaftlichen Unterrichts veranlassten die Stadt, 1898 am Westwall das neue Schulgebäude zu errichten. Der bislang letzte Neubau aus dem Jahre 1975 ist ebenfalls wegen des erhöhten Bedarfs an naturwissenschaftlichen Fachräumen angelegt worden.

1933 war die nationalsozialistische Ideologie als "tragende Weltanschauung" in unserer Schule eingeführt und systematisch propagiert worden. Rassenkunde in den oberen Klassen, Einführung der 3. Turnstunde zur verstärkten "körperlichen Ertüchtigung" durch Kampfspiele, weiter die Verkürzung der Schulzeit auf acht Jahre im Jahr 1936, die Einrichtung der sogenannten Oberschule für Jungen, die das alte Gymnasium in sich aufnahm, stellten Schritte auf dem Weg in diese Schule dar.

Das Festhalten am Überkommenen, das in Stendal immer geübt worden war, war kaum mehr möglich. Es war nur noch ein Klammern an die Fortexistenz des Gymnasialzweiges schlechthin zu erkennen.

Für unsere Heimatstadt bezeichnend war es aber, dass sich bis in die 50er Jahre hinein immer wieder so viele Schüler fanden, dass zumindest altsprachliche Klassen oder Gruppen gebildet werden konnten.

Es war eine äußerst verdienstvolle Entscheidung des Oberbürgermeisters Dr. Wernecke und des Oberstudiendirektors Dr. Glaser-Gerhard gewesen, 1938 anlässlich ihrer 600 – Jahr – Feier der Oberschule für Jungen und dem Städtischen Gymnasium zu Stendal den Namen Winckelmannschule zu verleihen. Die Einheit beider Einrichtungen wurde dadurch gefestigt; und vor allem konnten viele die Wahl des Patrons als eine Distanzierung vom damaligen Zeitgeist auffassen. So machten der Geist und das Wirken Winckelmanns eine gewisse Anlehnung an humanistische Traditionen deutlich.

Unserer Schule hat ihr Name auch in der nachfolgenden Zeit eine Orientierung und ein ständige Motivation zu möglichst hohen Leistungen gegeben.

Nach dem Debakel von 1945 mit Verlust der Sammlungen, der Schulbibliothek, zeitweise auch des Gebäudes, mit Abzug eines Teils der Lehrer und Schüler, mit Zuzug von Flüchtlingen ging es in Oberschule und Gymnasium um die weitere Existenz.

Die Größe der Anstalt, ihre große Tradition und ihr Name retteten sie 1946 nicht vor der Liquidation der Mittelstufe. Nur die 9. bis 12. Klassen blieben zur Abiturvorbereitung, um dem propagierten Ideal der Einheitsschule möglichst nahe zu kommen, wobei nicht näher eingegangen werden soll auf die unbestrittenen Vorzüge der Polytechnik.

Ab 1983 wurden dann nur noch zwei Stufen (11. und 12. Klassen) belassen; eine pädagogisch mehr als bedenkliche Einrichtung, die erst mit der Wende in den jetzigen neuen Bundesländern ein vorläufiges Ende fand.

Sehr viele der vor und seit 1945 ins Leben getretenen Abiturienten der Winckelmannschule haben in Deutschland, manche sogar im Ausland Hervorragendes geleistet und erinnern sich ihrer Herkunftsschule, ihrer "Penne" gern. Das beweisen sie u.a. auch durch ihr Mitwirken im Förderverein, dem "Freundeskreis des Winckelmann-Gymnasiums Stendal" e.V.